Gangstörungen, Fatigue und Spastik gehören zu den am stärksten beeinträchtigenden Symptomen bei Multipler Sklerose (MS). Obwohl krankheitsmodifizierende Therapien die Schubaktivität reduzieren und das Fortschreiten verlangsamen können, benötigen viele Patientinnen und Patienten weiterhin eine wirksame MS-Therapie zur Verbesserung des Gangs und der Alltagsfunktion – insbesondere jene mit moderater bis schwerer Behinderung.
Eine neue Veröffentlichung in Frontiers in Medicine (Januar 2026) verleiht einer wachsenden klinischen Entwicklung deutlichen Auftrieb: recoveriX, eine Brain-Computer-Interface-(BCI)-Rehabilitation für Multiple Sklerose. Die Studie berichtet, dass ein Motor-Imagery-BCI in Kombination mit funktioneller Elektrostimulation (FES) und virtueller Realität (VR), umgesetzt mit recoveriX, mit klinisch bedeutsamen Verbesserungen der Geh-Ausdauer, Mobilität, Spastik sowie patientenberichteten Endpunkten assoziiert war, wobei die Effekte bis zu sechs Monate lang anhielten.
Viele Rehabilitationsansätze beruhen auf wiederholtem Bewegungstraining. Doch bei MS sieht die Realität oft anders aus: Fatigue begrenzt die Trainingsintensität, Mobilitätseinschränkungen reduzieren ein sicheres Gehtraining, und die Therapiezeit ist knapp. Deshalb gewinnen Therapieformen an Aufmerksamkeit, die qualitativ hochwertigen, aufgabenspezifischen Input liefern können, ohne die Patientinnen und Patienten zu erschöpfen.
recoveriX ist eine BCI-Rehabilitation für Multiple Sklerose, die genau darauf ausgelegt ist, indem sie einen geschlossenen Rehabilitationskreislauf („closed loop“) schafft:
Klinisch ist das bedeutsam, weil das Feedback nicht mehr „dauerhaft aktiv“ ist. Es wird an die Gehirnaktivität der Patientin bzw. des Patienten gekoppelt und unterstützt dadurch ein effizienteres motorisches Wiedererlernen.
Der primäre Endpunkt war der 6-Minuten-Gehtest (6MWT), ein zentrales Instrument in der MS-Gangrehabilitation, da er die alltagsrelevante Geh-Ausdauer widerspiegelt.
Nach 30 Sitzungen:
Die berichteten Verbesserungen durch die recoveriX-MS-Therapie überstiegen gängige Schwellenwerte für eine klinisch bedeutsame Veränderung bei MS. Das ist ein wichtiger Aspekt für Neurologinnen und Neurologen, die beurteilen müssen, ob eine Intervention tatsächlich funktionell relevant ist – und nicht nur statistisch signifikant.
Die Studie zeigte außerdem Verbesserungen bei:
Für die klinische Praxis entsprechen diese Ergebnisse konkreten Alltagszielen: kürzere Zeit bis zum Aufstehen, stabileres Drehen und insgesamt sichereres Gehen.
Neben objektiven Gangparametern berichtet die in Frontiers in Medicine veröffentlichte Studie Verbesserungen durch recoveriX in folgenden Bereichen:
Diese Kombination ist klinisch hochrelevant: verbesserte objektive Leistungsfähigkeit und verbesserte subjektiv wahrgenommene Funktion sowie reduzierte Fatigue-Belastung. Genau diese Faktoren zählen zu den zentralen Therapiezielen in der MS-Behandlung und in der langfristigen Rehabilitationsplanung.
Während des Trainings und der Assessments wurden keine unerwünschten Ereignisse berichtet. Therapieabbrüche erfolgten aus logistischen Gründen – nicht aufgrund von Sicherheits- oder Fatigueproblemen. Für Krankenhäuser und Rehabilitationszentren ist das ein entscheidender Aspekt bei der Bewertung neuer Technologien für die Routineversorgung.
Viele technologiegestützte MS-Rehabilitationsansätze werden erst spät eingeführt – oft Monate oder Jahre nach Eintritt der Behinderung. Dabei sind gerade die Akut- und Subakutphasen entscheidend, da strukturierte Neurorehabilitation hier den Krankheitsverlauf maßgeblich beeinflussen kann – insbesondere bei Patientinnen und Patienten, die kein intensives Gehtraining tolerieren.
recoveriX unterstützt einen früheren Einsatz, da das System:
Für Akut- und Subakutstationen kann recoveriX die Physiotherapie sinnvoll ergänzen, wenn:
Praktisch bedeutet das: Mit recoveriX kann das Reha-Team eine messbare „Dosis“ an Neurotraining verabreichen – selbst dann, wenn klassisches Gangtraining noch nicht umsetzbar ist.
recoveriX ersetzt keine medikamentöse Therapie, stellt aber einen überzeugenden neuen Ansatz in der MS-Rehabilitation dar: gehirngesteuertes, geschlossenes Training zur funktionellen Verbesserung.
Für Neurologinnen und Neurologen ist die klinische Positionierung klar:
Wenn Ihr Krankenhaus oder Reha-Zentrum ein Programm evaluieren möchte, sollte die Umsetzung der Studienstruktur folgen:
So lassen sich Ergebnisse intern (Qualitätsmetriken), klinisch (Vertrauen der Überweiser) und extern (Patientenerwartungen) klar kommunizieren.
Diese Veröffentlichung unterstützt einen bedeutsamen Wandel in der Rehabilitation bei Multipler Sklerose: weg von offenen Assistenzsystemen hin zu geschlossenem, gehirngesteuertem Training mit messbaren und langfristig stabilen Ergebnissen.
Für Krankenhäuser und Reha-Zentren ist die praktische Botschaft klar: recoveriX ist nicht nur ein Forschungskonzept – es handelt sich um eine strukturierte Intervention mit realen funktionellen Endpunkten und nachweisbarer Wirkdauer, die sich gut in Akut- und Subakut-Neurorehabilitationsabläufe integrieren lässt.
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